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Ist Disziplin wirklich wichtiger als Motivation? Eine sportpsychologische Perspektive

Im Zeitalter von Verbesserung des Ichs und einem ständigen Trieb nach Selbstoptimierung kommt es – vor allem in sportlichen Kontexten – immer wieder dazu, dass Menschen Motivation als zerbrechliches, nahezu willkürliches Konstrukt darstellen. Dies ist üblicherweise gefolgt von einer Betonung der Wichtigkeit von Disziplin, denn: wenn Motivation nicht funktioniert, dann sei doch einfach diszipliniert! Sprüche wie „nur die Harten kommen in den Garten“, oder „wer es nicht hart genug will, bleibt halt zu Hause“ sind häufig an der Tagesordnung und vermitteln somit eine konsequent dominante Rolle von Disziplin, wenn es um Dinge wie Trainingsadhärenz, Umgang mit Niederlagen oder sogar Verletzungen geht.


Auch wenn dieser Ansatz erstmal logisch, praktisch und leicht zugänglich erscheint, so werde ich versuchen, ihn hier aus verschiedenen Winkeln anders zu beleuchten. Zuerst soll es dabei um ein paar Grundlagen von Motivationstheorie gehen, gefolgt von einigen Verhaltensaspekten, die ich in der Konsequenz solcher Ansichten als kritisch wahrnehme. Meine Hoffnung damit ist, dass ich zu mehr Reflektion über das eigene Verhalten und ein besseres Verständnis für menschliches Verhalten im sportlichen Kontexten anregen kann.


Zuerst möchte ich ein wenig Grundlagenwissen vermitteln, um menschliches Verhalten im Kontext vom Sport (aber auch außerhalb dessen) verstehen zu können – ich versuche es möglichst übersichtlich und simpel zu halten. Hier muss man zuerst zwischen Motiven und Motivation unterscheiden. Wo Motive die grundsätzlichen und längerfristigen Einstellungen bestimmten Dingen gegenüber sind, dort beschreibt Motivation eher einen akuten Zustand. So kann es zum Beispiel sein, dass jemand als Teenager mit Kraftsport angefangen hat um einem ästhetischen Motiv nachzugehen („Ich will gut aussehen.“), dieses sich aber mit der Zeit in ein eher soziales Motiv entwickelt („Ich mag meine Trainingsgruppe im Verein.“). Wer sich genauer für verschiedene, sogenannte motivbasierte Sporttypen interessiert, dem kann ich das Paper „Motivbasierte Sporttypen – Auf dem Weg zur Personorientierung im zielgruppenspezifischen Freizeit- und Gesundheitssport“ von Lehnert, Sudeck und Conzelmann (2011) empfehlen. Motive sind also zwar tendenziell grundlegende Einstellungen dem Verhalten gegenüber, können sich aber mit der Zeit verändern. So kann auch mehr als ein Motiv gleichzeitig durch sportliche Betätigung befriedigt werden.


 

Motivation hingegen wird in der Sportpsychologie häufig aus dem Blickwinkel der Selbstbestimmungstheorie von Deci und Ryan (1985) beleuchtet. Das eigentliche Modell ist recht komplex, daher hier die wichtigsten Annahmen: es gibt drei grundlegende menschliche Bedürfnisse (Autonomie, soziale Eingebundenheit, Kompetenz), welche je nach Situation unterschiedlich ausgeprägt sind und zu drei verschiedenen Arten von Motivation führen können. Dazu gehört Amotivation, also die Abwesenheit von Motivation, die in der Regel zu keinem Verhalten führt. Dann gibt es extrinsische Motivation, also eher external erzeugte Motivation, zum Beispiel durch Lob von anderen, Geld oder Androhungen von Strafen. Zuletzt gibt es intrinsische Motivation, also eher internal erzeugte Motivation, die durch Neugierde, Herausforderungen oder genuine Freude an einer Beschäftigung erzeugt wird.


Im Zusammenhang bedeutet das: die Wahrscheinlichkeit von gewolltem Verhalten (Trainingsadhärenz) steigt, wenn ich es schaffe, meine Motive im sportlichen Kontext und meine grundlegenden psychologischen Bedürfnisse (Autonomie, soziale Eingebundenheit & Kompetenz) in Verbindung mit meinem momentanen Handeln zu bringen, um Motivation zu erzeugen. Die Motivation für Training an einem „schwierigen“ Tag von jemandem, der z.B. ein soziales Motiv hat und bei dem soziale Eingebundenheit direkt relevant ist, kann gefördert werden, indem man sich bewusst einen Moment Zeit nimmt, dieses soziale Erleben in den Vordergrund der heutigen Einheit zu stellen. Als Trainer könnte ich hergehen und so etwas sagen wie: „Scheiß heute mal auf die Lasten auf der Hantel, geh vielleicht einfach hin und schau, wie du deine Trainingspartner:innen bestmöglich dabei unterstützen kannst, das beste aus ihrer Einheit heute zu holen.“ Ob es sinnvoll ist, sich als Trainer einen solchen Hut aufzusetzen, lasse ich mal außen vor. Das bedeutet jedoch im Kehrschluss: ohne Motivation keine Handlung. Wer für eine Handlung nicht motiviert ist, wird dieser Handlung schlichtweg nicht nachgehen. Schachmatt, Disziplinfetischisten.


 

Nun meine eigene Meinung dazu: ich glaube vielerorts ist das Bedürfnis danach, dass Disziplin Motivation übertrumpfen sollte, durchaus nachvollziehbar. Was eigentlich dahintersteht ist, dass wir uns einen Mechanismus wünschen, durch den wir unserem eigentlichen Ziel (z.B. Verbesserung der sportlichen Leistung) nachgehen können, obwohl die individuellen Umstände uns das aktuell erschweren. So kann es beispielsweise sein, dass ich eigentlich vier Mal die Woche trainieren will, aufgrund von einem Jobwechsel aktuell aber mehr zu tun habe und somit weniger Zeit für das Training übrigbleibt – meine Motivation sinkt, da die mir zur Verfügung stehenden Ressourcen rarer geworden sind. Was dann mit der Brille der Disziplin vermieden werden will, ist nicht die Schwankung von oder gar abwesende Motivation, sondern emotionsbasiertes Handeln im Kontrast zu wertebasiertem Handeln: so fällt es vielen in solchen Situationen leichter, dem „inneren emotionalen Schweinehund“ nachzugeben und weniger Trainingseinheiten zu absolvieren. Dinge wie Erwartungen an uns selbst spielen hier auch gern mit rein: „Wenn ich es nur zwei Mal pro Woche ins Training schaffe, dann erreiche ich meine Ziele eh nicht.“ Ohne einen aktiven Umgang mit schwankender Motivation kann es so (über einen mittelfristigen Zeitraum) schnell zum vollkommenen Wegfall der Tätigkeit kommen.


„Disziplin“ ist also – aus rein sportpsychologischer Sicht – nicht ein Handeln trotz fehlender Motivation, sondern vielmehr eine Beständigkeit von Motivation zur Befriedigung der grundlegenden menschlichen Bedürfnisse, unseren kontextspezifischen Motiven und unserem wertebasierten Verhalten trotz widriger Umstände. Wenn ich der Athlet sein will, der auch nach drei Nächten suboptimalem Schlafs ins Training geht und mir diesen Wert vor Augen führe, dann ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass ich mich auch tatsächlich ins Training schleppe. In kurz: fuck discipline, foster motivation.


Ehrlicherweise bin ich es leid, immer und immer wieder zu lesen, wie kurz bei Motivation gedacht wird. Sie ist keine willkürliche Metrik, die mal da ist und mal nicht. Natürlich gibt es Schwankungen, aber wir wären falsch bemessen die massiven Mengen an (sport-)psychologischer Evidenz zu ignorieren, die sich einzig und allein damit beschäftigt, wie man Motivation kultivieren kann. Denn ironischerweise ist eine Person, die von sich sagt, sie sei lediglich diszipliniert, eben genau die Person, die es geschafft hat, Verhaltensmuster aufzubauen, die ihr dabei helfen, ihre Motivation aufrechtzuerhalten – trotz widriger Umstände.

Wenn du (ja, DU!) also das nächste Mal keinen Bock hast, ins Training zu gehen, dann versuch ein wenig rauszuzoomen: was passiert gerade in meinem Leben? Was für eine Art von Athlet:in möchte ich sein? Wie kann ich meine Ziele und Erwartungen für diese Einheit anpassen? Welches meiner Grundbedürfnisse kann ich mit der Einheit heute stärken? Wie schlimm ist es wirklich, wenn ich diese Einheit morgen oder übermorgen nachhole?


 

Nun zum großen ABER: ich sehe in dem Ansatz der Kommunikation rund um dieses Thema eine Gefahr mitschwingen. Wie schon angedeutet befinden wir uns ja im Zeitalter der Selbstoptimierung: so werden Dinge wie ein #grindset und Co häufig beworben, damit man sich von den „Normalsterblichen“ abheben kann. Der leicht überheblich riechende Duft, welcher dabei aufkommt, bringt einige Schlussfolgerungen mit sich, die ich für sehr gefährlich erachte. Zuallererst impliziert der Ansatz, dass Disziplin wichtiger wäre als Motivation, dass eine Abwesenheit von Motivation „ignoriert“ werden und man sich trotz unpassender Umstände durchquälen sollte. Und ja: es gibt durchaus Momente und Phasen, in denen man als Athlet:in in der Lage sein sollte, sich ein wenig zu quälen. Aber: es gibt durchaus gute und wichtige Gründe für das Zurückfahren von Trainingsumfängen – körperlich wie psychisch. Auch wenn ich das Wort nicht mag, so erinnert es mich doch ohne Frage an eine toxische Trainingskultur, bei der Leute dann sieben Mal die Woche trainieren, 200€ im Monat für Supplements ausgeben und heulend im Bett liegen, wenn sie krank sind – nicht, weil sie Schmerzen haben, sondern weil sie nicht trainieren können.


Vor allem im vom Maskulinität dominierten Hochleistungssport sind wir zwar schon weit gekommen, jedoch wird diese Welt weiterhin von einer tiefgreifenden Härte bestimmt, welche dann (und das erleben meine Kolleg:innen und ich wieder und wieder) dazu führt, dass Athlet:innen sich eben nicht trauen, Defizite in der Motivation anzusprechen – aus Angst vor Ausschluss, Bestrafung oder sogar Spott und Hohn. So entsteht eine Welt, in der sich Menschen (psst, Athlet:innen sind auch Menschen) dazu zwingen, diese Erlebnisse für sich zu behalten, was langfristig zu psychisch und körperlich stark belastenden Verhaltensmustern führen kann.

Ich denke als Trainer:innen – aber auch als Sportpsycholog:innen – liegt es in unserer Verantwortung dafür zu sorgen, dass wir in unserem Umfeld für mehr Offenheit für solche Themen sorgen. So sollte es kein Zeichen von Schwäche sein, wenn man sich nicht motiviert für eine Einheit oder einen Wettkampf fühlt – viel mehr sollten wir das als Einladung sehen. Eine Einladung, die Gegebenheiten in unserem System zu reflektieren, eine Einladung, Zielsetzungen und Erwartungen anzupassen und eine Einladung, uns genauer mit dem körperlichen und psychischen Befinden unserer Athlet:innen zu befassen.

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